Feedback: So klingt wertschätzende Aufrichtigkeit (Radical Candor)

Die Feedback-Kultur in Organisationen lebt davon, dass Menschen sich trauen, das Offensichtliche klar und fair auszusprechen. Doch häufig werden klare Aussagen vermieden, um die betroffene Person zu schonen. In diesem Beitrag erklären wir das Modell „Radical Candor“ (übersetzt: „radikale Offenheit“ oder „wertschätzende Aufrichtigkeit“) von Kim Scott. Sie lädt uns ein, endlich das zu sagen, was wirklich wichtig ist und dabei trotzdem wertschätzend zu bleiben.

Stell dir vor, ein Kollege hält eine Präsentation. Fachlich und inhaltlich sind die Folien gut, aber der Vortrag ist viel zu lang, zu unstrukturiert. Nach einer Viertelstunde sind die meisten Kolleg*innen innerlich ausgestiegen. Am Ende des Meetings fragt er dich, wie du die Präsentation fandest. Du antwortest: „War gut. Interessanter Ansatz.“ Du hältst deine Meinung zurück aus dem diffusen Gefühl, es sei gerade nicht angebracht. Kim Scott, ehemalige Google- und Apple-Managerin, hat für dieses Muster einen Begriff, der anfangs provoziert und dann trifft: Schädliche Empathie. Die gut gemeinte Fürsorge, die jemanden im Stich lässt.

Schädliche Empathie: Du hältst dein Feedback zurück, um den anderen zu schonen.

In der Mediation zeigt sich schädliche Empathie oft als übermäßige Neutralität: Mediator*innen scheuen sich, direkte Rückmeldungen zu geben, weil sie „allparteilich“ bzw. neutral bleiben wollen. Wenn sie unklar bleiben und ihre Beobachtungen nicht teilen, stehen sie jedoch der Lösung selbst im Weg.
Für Führungskräfte und Personalverantwortliche ist das „Performance Review“ oder Feedbackgespräch eine systemische Einladung zur schädlichen Empathie: Beobachtungen werden gesammelt, im Jahresgespräch weich umformuliert – und die Person ist überrascht, weil niemand vorher etwas gesagt hat.

Das Gegenmodell zu schädlicher Empathie: „Radical Candor“ – wertschätzende Aufrichtigkeit

Scotts Gegenmodell zur schädlichen Empathie nennt sie „Radical Candor“ – wertschätzende Aufrichtigkeit. Der Begriff „radikal“ klingt etwas dramatisch. Damit gemeint ist lediglich der eine klar formulierter Satz, der sich deswegen radikal anfühlt, weil wir so selten bereit sind, ihn auszusprechen.
Scott sagt: „Sie tun einer Person keinen Gefallen, wenn Sie ihr etwas verschweigen, was sie wissen müsste. Sie rauben ihr die Chance, sich zu verbessern.“
Schweigen aus Nettigkeit ist keine Fürsorge. Es ist eine subtile Form des Desinteresses. Wer jemanden wirklich respektiert, traut ihr zu, schwieriges Feedback zu empfangen – und traut sich selbst zu, es so zu formulieren, dass es ankommen kann.
Scott empfiehlt, Feedback immer sofort zu geben, spezifisch und persönlich. Handelt es sich um eine anerkennende Rückmeldung, dann kann dies auch öffentlich und in der Gruppe geschehen. Negative Kritik sollte immer unter vier Augen gegeben werden.

Radical Candor

„Radical Candor” anhand eines Schaubilds erklärt

Radical Candor ist kein Freifahrtschein für Rücksichtslosigkeit, kein Aufruf zu „brutaler Ehrlichkeit“ und keine Abkürzung für „Ich sage jetzt, was ich denke, und nenne es Feedback“. Scott veranschaulicht in einem Vier-Quadranten-System – wobei der Grad der Fürsorge auf der die Y-Achse und der Grad der Direktheit auf der X-Achse abgebildet ist – was mit Radical Candor wirklich gemeint ist (siehe Schaubild links).

Was „wertschätzende Aufrichtigkeit“ nicht ist.

Sind Fürsorge niedrig und Direktheit hoch, nennt sie das „Aggressive Offenheit“. Das Feedback ist direkt, aber ohne Mitgefühl. Die Person ist womöglich verletzt, verteidigt sich oder zieht sich zurück. Du erreichst keine positive Veränderung, z. B. „Die Präsentation war ein Desaster.“
Wenn Fürsorge und Direktheit niedrig sind, bewegen wir uns im Bereich der „Manipulativen Unaufrichtigkeit“. Häufig wird dieses Verhalten auch als passiv-aggressiv beschrieben. Du kannst es bei Politiker*innen beobachten, die im Interview der eigentlichen Frage ausweichen, z. B. „Interessant … aber ich bin kein Experte.“
Bei schädlicher Empathie ist die Fürsorge hoch und die Direktheit der Aussage niedrig. Menschen in helfenden Berufen neigen stark dazu. Es wird aus Rücksicht auf die Gefühle der Person geschwiegen, um sie zu schonen oder zu schützen. Die betroffene Person denkt, alles sei in Ordnung, bis sie bei der nächsten Gelegenheit wieder scheitert. Schädliche Empathie hört sich in etwa so an: „War gut. Echt interessant.“

Wenn sowohl Fürsorge als auch Direktheit in Feedback enthalten ist, spricht man von wertschätzender Aufrichtigkeit (Radical Candor).

Radical Candor beschreibt Scott im rechten oberen Quadranten ihres Schaubilds. Hier ist sowohl der Anteil der Fürsorge als auch der der Direktheit hoch. Das Feedback ist klar, spezifisch und auf die Sache fokussiert. Es fordert die Person heraus, nachzudenken und ggf. ihr Verhalten zu verändern. Gleichzeitig stärkt eine freundliche und direkte Ansprache die Beziehung. Die Person weiß, was gemeint ist und spürt ehrliches Interesse. In unserem Beispiel würde wertschätzende Aufrichtigkeit so klingen: „Ich habe die Kernbotschaft erst ganz am Schluss gehört. Ich hätte zu Beginn mehr Orientierung gebraucht.“

Wo kann ich konstruktiv Feedback geben und Radical Candor lernen?

Radical Candor ist keine „Typsache“, das kannst du bei uns lernen. Wir von der Organisationsberatung Zweisicht setzen das Modell von Kim Scott u.a. im Konfliktcoaching mit Führungskräften und in unserem Training „Konstruktives Feedback geben“ ein. Anhand der vier Quadranten lassen sich Aussagen und Verhalten reflektieren und einordnen, warum Feedback nicht ankommt. Anschließend üben wir alternative und konstruktive Kommunikationstechniken, wie bspw. die Gewaltfreie Kommunikation oder das 4-W-Modell.

Du willst lernen, das Offensichtliche klar und fair anzusprechen?
Dann nimm Kontakt mit uns auf!

Eine Anleitung mit dem Schaubild „Radical Candor“ sowie eine Flipchart-Vorlage kannst du dir in unserem exklusiven Downloadbereich für Newsletter-Abonnent*innen kostenlos herunterladen.

Buchtipp:
Kim Scott. Radical Candor.

Wie Sie als Führungskraft durch Offenheit und Transparenz überzeugen.

Verlag VAHLEN 2024

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