Mediation in der Praxis: Interview mit Dr. Marc Leu

In der Blogreihe „Mediation in der Praxis“ berichten ehemalige Teilnehmer der Ausbildung in Wirtschaftsmediation an der Zweisicht.Akademie, wie sie das Gelernte für ihr Arbeitsfeld nutzen. Dieses Mal konnten wir Dr. Marc Leu für das Interview gewinnen. Er war Teilnehmer der 16. Ausbildung Wirtschaftsmediation 2013/2014, ist Corporate Ombuds Officer bei der SAP SE und hat sich auf interkulturelle Konflikte spezialisiert.

1. Was hat Dich dazu bewogen, die Ausbildung in Wirtschaftsmediation zu machen?

Ein starkes Interesse, anderen Menschen in ihren jeweiligen Lebenslagen zu helfen und sie dabei zu begleiten, individuell (Beratung, Coaching) oder im Konflikt mit anderen (Klärung, Mediation etc.) Wege nach vorne zu finden und nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Gerade im wirtschaftlichen Kontext können Konflikte darüber hinaus auch oft für positive Änderungen im organisatorischen Aufbau und zur Innovation in der Firma genutzt werden; bei der SAP SE sind Mediationen und weitere Konfliktklärungsangebote im Ombudsoffice verankert und für alle Mitarbeiter abrufbar. Beide Dimensionen, die menschliche als auch die organisatorische, haben mich bewogen, Wirtschaftsmediation zu erlernen und konkret für und innerhalb der SAP SE anzuwenden.

2. Deine Ausbildung bei Zweisicht ist nun 5 Jahre her. Was ist Dir besonders in Erinnerung geblieben?

Die Kameradschaft innerhalb der Ausbildungsgruppe und die persönlichen Gespräche mit den Ausbildern. Die Ausbildung ist sehr intensiv und mit vielen praxisnahen Übungen ausgestaltet, sodass man sehr eng mit anderen Teilnehmern eigene Skills erarbeiten kann und gemeinsam lernt und wächst. Die warmherzige und immer konzentrierte Atmosphäre ist mir selbst nach fünf Jahren noch immer in sehr positiver Erinnerung erhalten. Zudem sind Kompetenz und Empathie der Trainer extrem wichtig, um als Teilnehmer positives als auch konstruktives Feedback anzunehmen und darüber zu wachsen; in beiden Hinsichten haben mich Christian Bähner und Elke Schwertfeger während der Ausbildung über fast zwei Jahre hinweg wunderbar begleitet und gefordert.

3. Hast Du Dich im Bereich Wirtschaftsmediation danach weiter spezialisiert?

Ja, ich habe mich auf interkulturelle Konflikte spezialisiert. Zunehmend wird im globalen Kontext auch aus diesem Grund die sogenannte „Shuttle-Mediation“ durchgeführt; hierbei werden die jeweiligen Konfliktparteien unabhängig voneinander gehört und im Mediationsprozess begleitet, oftmals nicht vor Ort, sondern remote per Telefon. Ich selber lebe seit langer Zeit in Asien und fühle mich mit diesem Kulturkreis verbunden. Ohne das Wissen über die jeweiligen kulturellen Umgangsformen, Hierarchien und Normen ist es oft schwierig, Konflikte zu mediieren; eher ist Fingerspitzengefühl und (inter-)kulturelle Kompetenz von Nöten.

4. Wie nutzt Du die Mediation heute?

Beruflich arbeite ich für das Ombudsoffice der SAP SE als Corporate Ombuds Officer, mein Fokus liegt hier insbesondere auf dem asiatischen Raum. In diesem Kontext mediiere ich zwischen Konfliktparteien remote (Shuttle) oder vor Ort (klassisch), zudem berate ich Klienten als Conflict Counseller und/oder coache bei Einzelanfragen. Ergänzend gebe ich präventive Konflikttrainings und -workshops, um ein Bewusstsein bei den Mitarbeitern für die Annahme von schwierigen Gesprächen und im weiteren eine Konfliktkultur generell in der SAP aufzubauen. Privat engagiere ich mich für Friedens-Mediation (Peace Mediation) im Rahmen der Vereinten Nationen.

5. Was war bislang Dein größter Erfolg im Bereich Mediation?

Ich betrachte Mediationen und Konfliktklärungen nicht vom Gesichtspunkt meines persönlichen Erfolgs; zufrieden mit mir selber bin ich dann, wenn die Medianten für sich einen Schritt weiter gekommen sind in einem Prozess, den ich als Mediator allparteilich, fair und vertraulich begleitet habe.

6. Welche Hürden siehst Du beim Einsatz der Mediation in Deinem Arbeitsfeld?

Die SAP SE ist ein globales Unternehmen mit mehr als 80.000 Mitarbeitern, viele Konflikte entstehen über jeweilige kulturelle und organisatorische Grenzen hinweg. Da Mediation im globalen Kontext unterschiedlich aufgefasst wird, müssen die spezifischen Erwartungen in der jeweiligen Zielkultur mitberücksichtigt werden. Und da nicht immer Mediatoren und Medianten sich an einem Ort einfinden können, entstehen gewisse Rahmenbedingungen und Einschränkungen bezüglich des Vorgehens. Bei der SAP werden diesbezüglich Shuttle-Mediationen mit internationalen Mediatoren eingesetzt, die im jeweiligen kulturellen Rahmen bewandert sind und auch telefonisch mit den Konfliktparteien Einzelgespräche führen und mediieren können.

7. Welchen Tipp hast Du für (frisch gebackene) Mediator/innen?

Soviel wie möglich aktiv zu mediieren. Theorie ist eine wichtige Voraussetzung und gibt einem ein notwendiges Gerüst für die Gestaltung von Mediationen. Die Praxis ist aber immer individuell am jeweiligen Fall orientiert – learning by doing. Zudem hilft der Austausch mit anderen Mediatoren sowie Supervisionen und Intervisionen, das eigene Verhalten zu reflektieren und zu erweitern.

8. Hast Du ein persönliches Motto oder Lieblingszitat zum Thema Konflikt, das Dich begleitet?

Es ist eher ein Lebensmotto, das ich mir aber auch gerne vor und während Mediationen immer wieder vor Augen führe: Do what you can, with what you've been given, in the place where you are, with the time that you have.

 

Foto © Dr. Marc Leu

 

 

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