Wie sind Sie eigentlich zur Klärungshilfe gekommen, Christian Prior?

Christian Prior arbeitet seit über zwanzig Jahren als Managementtrainer, Systemberater und vor allem als Klärungshelfer. Zusammen mit Christoph Thomann hat er das Buch „Klärungshilfe 3 – Das Praxisbuch“ geschrieben. In diesem Blogartikel lesen Sie einen Bericht über die Anfänge seiner Arbeit und erfahren, was ihn bis heute am Konzept der Klärungshilfe fasziniert.

Klräungshilfe | Christian Prior | Interview

Vor kurzem hatte ich Christian Prior am Telefon. Bisher hatten wir nur kurz Kontakt, wenn es um die Organisation für sein Seminar an der Zweisicht.Akademie ging. Doch dieses Mal hatte ich eine andere Frage an ihn. Mich interessierte, wie er zur Klärungshilfe kam und was ihn daran so sehr fasziniert hat, dass er bis heute damit arbeitet und im Seminar die Teilnehmenden dafür begeistern kann. Der nun folgende Text ist eine Abschrift seiner Antwort, die ich spontan mit dem iPhone aufgezeichnet habe:

„Zum ersten Mal kam ich 1999 mit dem Konzept der Klärungshilfe in Berührung. Damals erhielt ich eine Anfrage aus der Raumfahrtindustrie. Das Unternehmen wollte ein Seminar für seine Direktoren anbieten mit dem Ziel, dass diese ihre Besprechungen besser organisieren.

Das Buch „Klärungshilfe 2“ war eben erst erschienen. Ich hatte es schon gelesen und war fasziniert, wie die die Konfliktparteien in einen direkten, echten, wahrhaften Streitdialog geführt werden. Damit sie das, was immer wieder zwischen den Zeilen und hintenherum ausgetragen wurde, auf eine gute Weise besprechen können.

Mich hat die unerschrockene und gleichzeitig sehr achtsame Art sehr gefallen, wie das Konzept der Klärungshilfe es den Menschen ermöglichte, das zu sagen, was sie sagen wollten, ohne Schnörkel, ohne dass sie „Ich-Botschaften“ nutzen müssen und ohne dass sie sich auf ihre Wünsche und Bedürfnisse konzentrieren müssen. Damit fing alles an.

Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch keine Klärungshilfe anbieten und empfahl den Direktoren den Autor von Klärungshilfe 2, Christoph Thomann. Doch sie wollten keine Klärungshilfe. Deswegen habe ich mit einem Kollegen eine systemische Konfliktintervention gemacht und Einzelgespräche mit den Konfliktparteien geführt.

Dabei habe ich gelernt, warum diese Vorgehensweise nichts groß bringt und den Konflikt oft nur verschleppt. Doch die Angst vor dem Konflikt, die Angst vor dem direkten, echten Gespräch, die Angst vor Aussagen wie „Ich halte dich für unqualifiziert“, „Mich ärgert an dir, dass du ...“ hatte auch die Direktoren gepackt. Deshalb lief das damals anders.

Aber in diesem Zusammenhang hatte ich Christoph Thomann kontaktiert und wir haben uns persönlich kennengelernt. Aus dem Kennenlernen und der gegenseitigen Sympathie ist eine individuelle Weiterbildung in Klärungshilfe entstanden. Denn es gab damals – nach einem ersten Durchgang in den Achtzigerjahren in Hamburg – noch keine Ausbildung, wie es sie heute gibt. Also habe ich mich bei ihm weitergebildet und wir haben zusammen die Methode erforscht.

Bis heute fasziniert mich an der Klärungshilfe, dass ein direktes, ehrliches, dabei sehr achtsames, gar vorsichtiges und doch unerschrockenes Gespräch über das Eigentliche mögliche wird. Die Menschen dürfen über das reden, über das sie reden wollen und das sind in der Regel „Du-Botschaften“, wie „Du hast mir weh getan!“, „Du hast mich im Stich gelassen!“, „Du verhältst dich nicht kongruent, ich glaub dir kein Wort!“, ...

Ein solch klärender Dialog ist ein grundlegendes Bedürfnis im Menschen, in Konfliktsystemen, in der Gesellschaft. Es braucht meines Erachtens dafür einen Ort, an dem Klartext geredet werden kann, ohne dass neue Verletzungen entstehen. Das bietet Klärungshilfe mehr als andere mediative Verfahren, die den direkten Streitdialog abfedern oder umleiten oder gar nicht machen, weil sie gleich auf der Bedürfnisebene ein Verstehen ermöglichen wollen, ohne dass Enttäuschungen und Kränkungen vorher besprochen werden.“ – Ende des Interviews mit Christian Prior

Wir von Zweisicht. nutzen die Synergien von Klärungshilfe und Mediation. Unser Mediationsverständnis und die Methoden, die wir in der Ausbildung Wirtschaftsmediation – Konflikte in Organisationen und Teams konstruktiv lösen vermitteln, setzen genau wie die Klärungshilfe darauf, dass die Medianden in einem geschützten Rahmen über alles sprechen können – auch und gerade über die emotionalen Verletzungen, die passiert sind.

An dieser Stelle sind bestimmte Techniken aus dem Bereich der Klärungshilfe, wie z. B. das Doppeln sehr hilfreich. Zusätzlich nutzen wir noch weitere Ansätze wie die Gewaltfreie Kommunikation oder transformative Mediation um „Schweres“ besprechbar zu machen. Wir empfehlen unseren Ausbildungsteilnehmenden und interessierten Mediatoren die zweitätige Weiterbildung mit Christian Prior als Intensivtraining, um den Umgang mit schweren Gefühlen und heftigen Reaktionen der Konfliktparteien zu üben, vertiefen und praktisch zu üben.

 

-       Zum Seminar mit Christian Prior „Das Konzept der Klärungshilfe für Mediatoren“

 

 Beitragsbild © Pexels auf Pixabay

 


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Christoph Thomann, Christian Prior. Klärungshilfe 3. Das Praxisbuch. 5. Auflage. Rowohlt (2007)*

 

 

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