Lösungsfokussiertes Coaching – Schluss mit Missverständnissen!

Das Lösungsfokussierte Coaching nach Steve de Shazer, Insoo Kim Berg et al. wird heute in Beratungseinrichtungen rund um die Welt praktiziert und kontinuierlich weiterentwickelt. Dieser Gastartikel von Jörg Middendorf stellt die wesentlichen Hintergründe der Entstehung des Begriffs vor und räumt mit den damit verbundenen, grundlegenden Missverständnissen auf.

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Lösungsfokussiertes Coachings: Die Entstehung

1978 gründeten Steve de Shazer und Insoo Kim Berg zusammen mit anderen Therapeuten das Brief Family Therapy Center (BFTC) in Milwaukee/Wisconsin in den USA. Ziel des BFTC war es, möglichst effektive Wege in der Therapie zu finden. Der BFTC-Ansatz basiert auf der Erkenntnis: Interventionen, die zur Lösung führen, müssen nichts mit den Ursachen der Probleme von Klienten zu tun haben. 1982 stellten Steve de Shazer und Insoo Kim Berg ihren Ansatz erstmals vor.

Woher stammt der Begriff „Lösungsfokussiert“?

Eine Forschergruppe in Palo Alto rund um John Weakland, Richard Fisch, Paul Watzlawick etc. veröffentlichte 1974 einen Artikel mit dem Titel „Brief Therapy: Focused Problem Resolution“. 1986 schrieben Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Eve Lipchick et al. einen Artikel als Antwort darauf. Der Titel wurde entsprechend formuliert: „Brief Therapy: Focused Solution Development“. So wurde der Name „Solution Focused Approach“ übersetzt „Lösungsfokussierter Ansatz“ geboren.

Der Begriff „Lösungsfokussiertes Coaching“ führt häufig zu Missverständnissen.

In Deutschland hat sich dann noch die Variante „Lösungsorientiertes Arbeiten“ verbreitet und wurde zum Synonym für den „Lösungsfokussierten Ansatz“. Erst im Laufe der Zeit bemerkte man, dass der Begriff „lösungsfokussiert“ häufig zu Missverständnissen führt, insbesondere deshalb, weil er impliziert, dass es um Problemlösungen geht.

Missverständnis Nr. 1: Der Lösungsfokussierte Ansatz fokussiert auf Lösungen.

Der Lösungsfokussierte Ansatz fokussiert nicht auf Lösungen, da es sich bei einer Lösung ja immer um die Lösung eines Problems handelt. Dabei interessiert sich das Lösungsfokussierte Coaching nicht wirklich für die Analyse oder das Verstehen von Problemen. Der Klient wird zu Beginn des Coachings nicht einmal gefragt „Was führt Sie zu mir?“ oder „Was ist Ihr Anliegen?“, weil ihn dies automatisch dazu ermuntert, dass er sein Problem schildert – so wie er dies wahrscheinlich schon häufig gegenüber Freunden oder Kollegen getan hat. Beim Lösungsfokussierten Ansatz hält man dies für nicht zielführend und nicht hilfreich.

Richtig ist: Der Lösungsfokussierte Ansatz fokussiert die erwünschte Zukunft.

Daher lautet die erste Frage im Coaching häufig: „Was ist Ihre kühnste Hoffnung in Bezug auf das Ergebnis unserer Zusammenarbeit?“ Es wird also direkt nach dem Veränderungswunsch des Klienten gefragt. Der Lösungsfokussierte Ansatz nimmt die erwünschte Zukunft als Ausgangspunkt für das weitere Coaching. Wenn diese erwünschte Zukunft erreicht wird, spielt das ursprüngliche Problem i. d. R. keine Rolle mehr.

Missverständnis 2: Der Klient wird dabei unterstützt, Lösungen für seine Probleme zu finden.

Lösungsfokussiert heißt deshalb auch nicht, dass der Klient darin unterstützt wird, Lösungen für seine Probleme in ressourcenorientierter Art und Weise zu finden, sondern ihm zu helfen, ein möglichst konkretes Bild von seiner erwünschten Zukunft zu entwickeln. Durch die detaillierte Beschreibung – das „Ausmalen des Bildes“ – vergrößert der Klient die Wahrscheinlichkeit, diese auch zu erreichen.

Richtig ist: Der Lösungsfokussierte Ansatz unterstützt Klienten, sich ihrer Ressourcen bewusst zu werden.

Der Lösungsfokussierte Coach unterstützt den Klienten durchaus dabei, sich seiner Möglichkeiten bewusst zu werden. Im Lösungsfokussierten Coaching wird die Aufmerksamkeit des Klienten auf jene Verhaltensweisen gelenkt, die bereits funktionieren, um sie zu verstärken. Je klarer das Bild des Klienten von seinen Ressourcen vor dem Hintergrund der Situation ist, desto eher findet er darin Entwicklungsimpulse.

Missverständnis Nr. 3: Im Lösungsfokussierten Coaching wird nie über Probleme gesprochen.

Die Fokussierung auf die Zukunft bedeutet nicht, dass im Lösungsfokussierten Coaching nicht über Probleme gesprochen werden darf. Dazu ist der Leidensdruck vieler Klienten häufig zu groß. Oft ist es sogar sehr wichtig, dass der Leidensdruck und die aktuelle Coping-Strategie explizit vom Coach anerkannt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Coach versucht, das Problem zu verstehen, oder dass er in das Problem hineinfragt.

Richtig ist: Lösungsfokussiertes Coaching verzichtet auf eine Problemanalyse.

Der Coach braucht im Lösungsfokussierten Coaching weder mono-kausale noch multi-kausale systemische Hypothesen über die Ursachen des Problems, um den Klienten zu unterstützen. Das Erkunden des Problems und der Ursachen ist zwingend notwendig in technischen Systemen. Wenn ein Motor defekt ist, muss man herausfinden, wo die Ursache des Problems liegt, damit der Motor wieder läuft. Menschen funktionieren aber anders als Maschinen und daher sollte mach auch anders mit ihnen umgehen.

Missverständnis 4: Die Lösung hat etwas mit dem Problem des Klienten zu tun.

Ausgehend von technischen Systemen wird gerne geschlussfolgert, dass die Lösung in direktem Zusammenhang mit dem Problem steht. Doch die erwünschte Zukunft hat häufig nur wenig mit dem Problem zu tun, welches der Anlass für den Besuch beim Coach war. Je klarer man sich über die erwünschte Zukunft ist, desto stärker ist die Veränderung der Sichtweise der Gegenwart. So tritt das eigentliche Problem („störender Mitarbeiter“) in den Hintergrund und der Fokus richtet sich auf das Ziel des Klienten („erfolgreiche Führungskraft sein“).

Richtig ist: Probleme spielen für das Ergebnis des Lösungsfokussierten Coachings keine Rolle.

Probleme spielen im Lösungsfokussierten Coaching eine Rolle mit Blick auf den Anlass des Coachings oder die Wertschätzung des Leidens und der Coping-Strategie des Klienten. Für das Ergebnis des Coachings spielen Probleme so gut wie keine Rolle.

Lösungsfokussierter Ansatz meint „Preferred Future Approach“.

Die häufigsten Missverständnisse in Bezug auf Lösungsfokussiertes Coaching gehen also auf den Begriff zurück, der sich in Anlehnung an eine Artikelüberschrift eingebürgert hat, die die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Coachingansätze betonen sollte. Doch wo es um „Lösungen“ geht, meint man, es bräuchte auch ein „Problem“. Das war in den frühen Anfängen teilweise auch noch so. Doch seit 1978 hat sich der Lösungsfokussierte Ansatz ständig weiterentwickelt und aus heutiger Sicht wäre die Bezeichnung „Preferred Future Approach“ deutlich treffender. Dieser könnte dazu beitragen, viele Missverständnisse zu vermeiden.

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