Mediation in der Praxis: Interview mit Ute Liepold

Ute Liepold hat 2009 ihre Ausbildung zur Wirtschaftsmediatorin bei Zweisicht erfolgreich abgeschlossen. Im Oktober 2021 war sie wieder bei uns zu Besuch, diesmal zusammen mit ihrer Kollegin Antje Spielbauer in der Rolle der Seminarleitung. Die beiden haben für unser Team eine Fortbildung zu Time To Think - The Thinking Environment® von Nancy Kline gegeben. In diesem Interview haben wir Ute Liepold gefragt, was sie daran so fasziniert und wie sie das Konzept in ihrer Mediationspraxis nutzt.

Ute Liepold | Mehr Denkraum | Konfliktberatung

Liebe Ute, vielen Dank nochmal für die tolle Fortbildung. Antje und du habt uns dabei mit eurer Begeisterung für das Thinking Environment® angesteckt und wir freuen uns, dass du dich bereit erklärt hast, dich und deine Arbeit in diesem Interview für unseren Blog vorzustellen.

Deine Ausbildung bei Zweisicht ist nun schon mehr als zehn Jahre her, was hat sich bei dir in dieser Zeit getan? Denkst du noch manchmal daran zurück?

Ja, ich denke oft zurück. Die Ausbildung ging ja einher mit der Kündigung bei meinem damaligen Arbeitgeber und meinem Schritt in die Selbständigkeit, das war aufregend. Elke und Christian waren mir damals sowohl als Mediatoren als auch als Unternehmer große Vorbilder (und sind es bis heute). Die Ausbildung hat mich so gründlich und gut für das Mediatorinnen-Dasein qualifiziert, dass ich mich von Anfang an mit meiner Firma Ute Liepold Konfliktberatung darauf spezialisiert habe. Später kam dann noch die Klärungshilfe bei Christian Prior dazu, die meiner Arbeit auch wesentlich geprägt hat. Und seit 2018 spielt Time To Think bzw. das Konzept des Thinking Environment für mich eine große Rolle – bei der Arbeit wie auch im Leben.

Wie kam es eigentlich dazu, dass du für uns diese Fortbildung gegeben hast?

2020 hatte meine Zweisicht-Intervisionsgruppe ein kleines Jubiläum– 10 Jahre waren seit dem Abschluss unserer Ausbildung vergangen. Das wollten wir auch mit Elke und Christian feiern. Wir haben uns daher zum Arbeiten in der der Zweisicht.Akademie „eingemietet“ und die beiden abends zu einem gemeinsamen Essen eingeladen. Dabei habe ich so begeistert vom Thinking Environment gesprochen, dass Christian neugierig wurde und diesen „Schnuppertag“ angefragt hat.

Was hat es mit dem Thinking Environment auf sich?

Nancy Klines einfache Grundidee ist: Die Qualität unseres Handeln hängt davon ab, wie gut wir vorher nachgedacht haben. Ausgehend davon hat sie ihr Leben der Frage gewidmet, welche Bedingungen zu wirklich gutem Denken führen. Mit „gut“ ist hier vor allem unabhängig und frei von Beeinflussung durch andere gemeint; aber auch umfassend, präzise, mutig und kreativ. Sie hat festgestellt, dass diese Qualität des Denkens wesentlich davon abhängt, wie wir miteinander umgehen, während wir denken – ob wir uns zum Beispiel für die Gedanken der anderen wirklich interessieren oder aber um die Meinungshoheit konkurrieren. Dieses unterstützende Verhalten hat sie mit 10 Komponenten beschrieben, die zusammen den „Denkraum“ – das Thinking Environment bilden. Der Ansatz kommt in vielen Feldern zum Tragen, unter anderem im Coaching und in der Moderation/Facilitation von Gruppen.

Was begeistert dich an der Methode von Nancy Kline?

Da könnte ich jetzt sehr ausführlich werden! Ich beschränke mich auf meine drei wichtigsten Punkte. Erstens die Wirkung: Ich habe diese Qualität des Denkens vorher nicht gekannt, nicht bei mir und nicht in Gruppen. Daraus resultieren Entscheidungen und Lösungen, die stimmig sind und von allen Beteiligten getragen werden. Zweitens die Schlichtheit: Jeder kann den Denkraum halten, dafür braucht es keine Ausbildung – zuhören ohne zu unterbrechen, sich WIRKLICH für die Gedanken des anderen interessieren, auf wertende Kommentare verzichten … Was nicht heißt, dass es – je nach Kontext – immer einfach wäre. Und drittens: Diese Art miteinander umzugehen spiegelt meine zentralen Werte wieder: Verbundenheit, Respekt, Kooperation und Aufrichtigkeit.

Wie arbeitest du damit in deiner Mediationspraxis?

In der Arbeit mit den Konfliktparteien, also in der Mediation selbst, stößt dieser Ansatz schnell an Grenzen. Das ist leicht erklärbar, wenn man sich die 10 Komponenten anschaut und damit vergleicht, was in einer Gruppe mit eskalierten Konflikten los ist: Gelassenheit? Bereitschaft zuzuhören? Wertschätzung? Gefühle willkommen heißen? Ermutigung statt Konkurrenz? – Eher ganz das Gegenteil. Dafür nutze ich also weiterhin meine erprobten Mediationsmethoden, z. B. den „Dialog der Wahrheiten“ aus der Klärungshilfe.
Hingegen hat es sich ausgesprochen gut bewährt, die begleitende Beratung der verantwortlichen Führungskraft im Thinking Environment zu gestalten. Es hängt viel davon ab, dass diese Führungskraft gut ins Denken kommt, um ihrer Verantwortung gerecht und in dieser herausfordernden Situation gestärkt zu werden. Außerdem ist das Thinking Environment ein sehr gutes Format, um nach einer Konfliktklärung regelmäßig die Zusammenarbeit und die Entwicklung im Team zu reflektieren.

Wem würdest du eine Weiterbildung in Time To Think empfehlen und warum?

Jeder und jedem! Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass Time To Think mein Leben verändert hat. Ich bin anders mit meinen Mitmenschen verbunden, und ich kann regelmäßig meine eigenen Themen nachhaltig bearbeiten. Daneben lege ich die Weiterbildung allen Berater*innen ans Herz, die nach Möglichkeiten suchen, das den Klient*innen innewohnende eigene Lösungspotenzial noch besser zu erschließen.

Hast du ein persönliches Motto oder ein Lieblingszitat?

In Bezug auf das Thinking Environment mag ich diesen Satz sehr: „Es gibt nichts, was die Entfaltung der in jedem Menschen angelegten Potenziale so sehr und so nachhaltig beflügelt, wie die Freude am eigenen Denken und Gestalten.“ (nach Gerald Hüther, Neurobiologe). Das ist eines der Zitate auf der Website www.mehr-denkraum.de, auf der ich zusammen mit drei Kolleginnen das Thinking Environment und seine Anwendungen darstelle.
Gerade habe ich außerdem im Kalender 2022 der Deutschen Stiftung Mediation dieses nette Zitat von Oscar Wilde gefunden (natürlich ironisch zu verstehen): „Ich bin gern der einzige, der redet – das spart Zeit und verhindert Streitereien.“

Vielen Dank, liebe Ute, für das nette Interview. Ich bin mir sicher, der oder die Leser*in will jetzt noch mehr über Time To Think erfahren. Wir packen daher noch deine Link- und Buchtipps hier drunter.

Link- und Buchtipps:

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